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Mercator-Medaille

Die DGfK zeichnet mit der Verleihung der Mercator-Medaille Persönlichkeiten aus, die sich durch herausragende, international anerkannte wissenschaftliche Leistungen außerordentliche Verdienste um die Kartographie erworben haben. Die Verleihung ist nicht an eine Mitgliedschaft in der DGfK gebunden.

Träger und Trägerinnen der Mercator-Medaille:
1991 Günter Hake
1993 Jaques Bertin

Im Jahre 1993 ehrte die Deutsche Gesellschaft für Kartographie (DGfK) im Rahmen der Eröffnungsfeier des Internationalen Kartographie-Kongresses Köln Professor Jacques Bertin aus Paris für seine hervorragenden Leistungen für die Kartographie mit der Verleihung der Mercator-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Gesellschaft (KN 5/1993, S.173). Sechs Jahre später verlieh ihm die Internationale Kartographische Vereinigung (IKV) ihre höchste Auszeichnung, die Carl-Mannerfeldt-Medaille. In den Jahren davor war Jacques Bertin für seine grundlegenden Arbeiten zur Graphischen Zeichentheorie in seiner Heimat Frankreich durch akademische Institutionen mit Ehrentiteln und Medaillen geehrt worden.

Jacques Jean-Louis Bertin wurde am 27. Juli 1918 in Maison-Laffitte geboren, einem bürgerlichen Vorort rund 20 km nordwestlich der Cité de Paris. Er verband schon früh die künstlerischen Neigungen und Talente seiner EItern, Louis Bertin und Léonie Moreau, mit genauen Architektur- und Ortskenntnissen; als Zehnjähriger gewann er in der Grundschule seinen ersten kartographischen Preis. "Mit Zeichnen", sagte Bertin später in einem Interview, "mit dem Zeichnen hatte ich nie Probleme".

Als Studienfächer an der Sorbonne in Paris wählte er Geographie und Kartographie. 1936 schloss er sein Studium zunächst mit dem Licence de Géographie-cartographie ab, ein Jahr später mit dem Diplôme d'études de supérieures cartographie. Er gehörte zur ersten Generation von Studenten der École de Cartographie, die von Emmanuel de Martonne 1934 im Rahmen seines Geographischen Instituts eingerichtet worden war. Die praxisorientierte Ausbildung befähigte Bertin, dann als Kartenredakteur im traditionsreichen Verlag Hachette zu arbeiten. Der Weltkrieg, Wehrdienst und Kriegsgefangenschaft beendeten diesen Lebensabschnitt.

1947 übernahm Bertin (bis 1957) eine Forschungsstelle im Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS); seine Arbeit führte er zunächst im Rahmen einer interdisziplinären Arbeitsgruppe unter Leitung des Soziologen Paul-Henri Chombat de Lauwe durch. Bertins Aufgabe bestand in der Entwicklung von einfachen Regeln für die graphische Darstellung unterschiedlicher Datensätze und Informationen, wobei er sich auf eigene und fremde Erfahrungen stützte, auf neue Techniken und seinen kritischen Geist. Der bezog auch die Semiotik und ihre Teilbereiche ein, die in Frankreich in der Nachfolge von Ferdinand de Sanssures Arbeiten als linguistische Semiotik weiterentwickelt worden war.

1954 gründete Bertin ein, sein Laboratoire de Cartographie an der École Pratique de Hautes Études (EPHE). Seit 1958 leitete er dieses Laboratorium als das Zentrum der Lehre und Forschung über den universalen Einsatz der graphischen Mittel in allen Wissenschaften – bis zu seiner Pensionierung 1985. Dort entwickelte, verbesserte und formulierte er in präziser eigener Diktion seine Auffassung von der Eigenständigkeit der graphischen Sprache. Bertins Mitarbeiter und Nachfolger Serge Bonin nannte die Jahre 1957 bis 1967 die Periode "de reflexion, de gestation et de parution de la Sémiologie Graphique".

1967 veröffentlichten die Verlage Mouton und Gauthier-Villars in Paris und den Haag das wichtigste Werk von Jacques Bertin: "Sémiologie Graphique. Les diagrammes, les resaux, les cartes". Auf über 400 Seiten mit mehr Graphiken als Texten stellte Bertin darin klar gegliedert ein allgemeines System der graphischen Sprache als Mittel (1) der Informationsgewinnung und (2) der wissenschaftlichen Kommunikation vor, eine umfassende Theorie der Graphik. Im ersten Abschnitt des Buches behandelte er nach einer kurzen Analyse der Information systematisch die Mittel und darauf aufbauend die Regeln des graphischen Systems. Im zweiten Abschnitt stellte er als Anwendungsformen des graphischen Systems die Diagramme, die Netze und die Karten vor. Auf dem wachsenden Markt der visuellen Kommunikation wurde dieses Buch in Westeuropa dank der vorgestellten analytischen Verfahren und der Regeln des graphischen Systems schnell zu einem nachgefragten praktischen Handbuch der graphischen Gestaltung. Schon 1973 erschien es in einer zweiten Auflage. Anlässlich des 80. Geburtstages von Bertin gab 1999 die École des Hautes Études en Sciences Sociale (EHESS) die dritte Auflage dieses Standardwerkes heraus.

1967 wurde Bertin zum Professor für Kartographie an der Sorbonne berufen. Dort und in seinem Laboratorium für Kartographie vertrat er seine universale Lehre der Graphik und entwickelte sie für die praktische Anwendung weiter. 1974 wurde ihm das Doctorate d'État ès-lettres verliehen; auch wurde er zum Studiendirektor an der École des Hautes Études en Sciences Sociale (EHESS) ernannt. Er und sein kartographisches Forschungslabor zogen viele Besucher an, und Bertin teilte dort und bei mehreren Auslandsaufenthalten in Ländern Europas, Afrikas und Brasilien seine Erfahrung, sein Können und Wissen mit Graphikinteressenten und Experten. Er veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zu Aspekten des graphischen Systems. Ausführlich behandelte er gemeinsam mit Serge Bonin in dem Buch "La Graphique et Ie Traitement Graphique de I'lnformation" – erschienen 1975 bei Flammarion, Paris – technische Aspekte der graphischen Datenverarbeitung und Informationsgewinnung, das die rapide Entwicklung der elektronischen Informationstechnik nur zum Teil berücksichtigen konnte.

Das französische Hauptwerk Bertins hatte bei Experten weltweit Interesse gefunden. Bertin befürwortete und unterstützte daher die Vorschläge, sein Handbuch durch Übersetzungen in andere Sprachen einem größeren Interessentenkreis zugänglich zu machen. In Berlin wurde das Werk nach der Zweitauflage von 1973 durch G. Jensch, D. Schade und W. Scharfe unter Wahrung der eigenständigen Terminologie ins Deutsche übertragen; es wurde 1974 mit dem Titel "Graphische Semiologie: Diagramme, Netze, Karten" von W. de Gruyter veröffentlicht. Eine Übersetzung in die Weltwissenschaftssprache Englisch verzögerte sich aus mehreren Gründen. Erst 1983 ist das Werk in der Übertragung der Erstauflage 1967 durch W. J. Berg von der University of Wisconsin Press, Madison, publiziert worden mit dem Titel "Semiology of Graphics: Diagrams, Networks, Maps". Auch die englische Ausgabe wurde als praktische Anleitung zur Anwendung der graphischen Sprache in Wissenschaft und Wirtschaft genutzt. Vor allem aber hat sie bis heute eine lebhafte Diskussion um die Theorie der Graphik und ihre Stellung in multisensorischen und multimedialen Informationssystemen wesentlich angeregt und gefördert.

Bertins Rat war auch nach seiner Pensionierung sehr gefragt. Erwähnt sei seine praktische Arbeit als Kartenredakteur beim "Le Grand Livre de I'Histoire du Monde. Atlas Historique", herausgegeben von P. Vidal-Naquet, Paris 1986. Besonders eindrucksvoll hat Bertin dann in dem von ihm herausgegebenen ,,Atlas Historique Universel. Panorama de histoire du monde", Genève 1997, neue faszinierende Kartenserien für die Darstellung der raum-zeitlichen Dynamik der Menschheitsgeschichte entwickelt und vorgestellt.

Am 3. Mai 2010 ist Jacques Bertin gestorben. Das geplante Interview aus Anlass der 25. Generalversammlung der Internationalen Kartographischen Vereinigung 2011 in Paris konnte er nicht mehr geben. Viele werden den klugen, selbstbewussten, hilfsbereiten Professor für Kartographie aus Paris in lebendiger Erinnerung behalten. Noch größer aber ist die Zahl derjenigen, die Bertins universales System der Graphik als Fundament ihrer Forschung und Arbeit jetzt und in Zukunft nutzen, schätzen, ergänzen, verändern und weiterführen.

Ulrich Freitag, Berlin

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2004 Ulrich Freitag
2004 Ingrid Kretschmer
2009 Mark Monmonier
2013 Ernst Spiess
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